Logopädischer «Goldstandard» veraltet

«Das erste fein-geschnittene Menü nach 19 Jahren pürierter Kost war wie ein Festessen.» Oft führen gesundheitliche Ereignisse wie ein Schlaganfall zu Schluckstörungen mit lebensverändernden Folgen. Konsistenzanpassungen galten als Goldstandard, jedoch kritisieren aktuelle Studien dieses Vorgehen deutlich.

Stell dir vor, du kannst plötzlich dein Lieblingsmenü, Steak mit Pommes frites, nicht mehr essen und musst bei jedem Schluck Cola husten. Zusätzlich sagt dir nun deine Therapeutin, dass künftig dein Steak püriert wird und das Cola mit einem Pulver eingedickt werden muss, um deine Lunge zu schützen. Durch das Pulver wird die Fliessgeschwindigkeit des Getränks verlangsamt und du wirst weniger husten müssen. Jedoch wird dein Speichel von Tag zu Tag dicker, deine Konzentration schwächt sich ab, dein Bauch fühlt sich verstopft an – und am Ende liegst du trotzdem mit einer Lungenentzündung im Spital.

Die Auswirkungen einer Schluckstörung, z.B. nach einem Schlaganfall, bei einer Demenzerkrankung oder einem Tumor im Mund-Rachen-Bereich, auf die Lebensqualität und die Gesundheit sind weitreichend. Lange wurden Schluckstörungen mit Anpassungen wie Eindicken von Flüssigkeiten oder Pürieren von fester Nahrung behandelt. Viele jüngere Studien zeigen aber, dass Eindicken keine Komplikationen verhindert. Denn der Körper reagiert mit einer Reihe von Schutzmechanismen, wenn fremdes Material in die Lunge gelangt. Für die Lunge sind aber die Bakterien im Mund am gefährlichsten. Deshalb ist es wichtig, dass die Zähne regelmässig mit Zahnbürste und Zahnpasta geputzt werden, auch wenn man aufgrund einer Schluckstörung gar nichts essen oder trinken kann. Eingedickte Flüssigkeiten führen zusätzlich zu einer feinen Schicht auf der Mundschleimhaut, wo sich die gefährlichen Bakterien besser absetzen und vermehren können. Dadurch steigt das Risiko für eine Lungenentzündung.

Es kann bei einer Schluckstörung vorkommen, dass die Muskelkraft zum Kauen nachlässt. Dies kann dazu führen, dass ein Stück des Steaks die Luftwege blockiert. Diese Gefahr muss logopädisch abgeklärt werden. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass das Steak püriert werden muss. Eine Alternative kann sein, es in weiche Würfel kleiner als 1,5 cm zu schneiden (Mindestgrösse der Luftröhre). Mit dieser Kostform wird die Kaumuskulatur ohne das Risiko einer Blockierung der Luftwege trainiert. Im Vergleich zur pürierten Kost bleiben sogar weniger Reste im Hals stecken, die unbemerkt und kontaminiert mit Bakterien in die Lunge gelangen können.

Wichtig ist eine gute logopädische Abklärung. Betroffene müssen von einer Fachperson über die Schluckstörung und Risiken aufgeklärt, beraten und im Prozess begleitet werden. Ob das Cola mit oder ohne Pulver getrunken wird, müssen letztlich die Betroffenen nach sachlicher Information entscheiden.

Weiterbildungshinweis für klinische Fachpersonen (Logopäd:in, Dysphagie-Therapeut:in), die mit Menschen, welche von Schluckstörungen betroffen sind, arbeiten.

Norina Hauser, MSc, Nicole Bruggisser, MSc, Logopädie Kantonsspital Baden AG

Quelle: DLF Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband http://www.logopaedie.ch/blog/

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